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Nachrichten

Irak: Nach der eigenen flucht im einsatz für vertriebene mitbürger

Köln, 31/10/2014 


Zwei irakische Ärzte berichten über ihre Arbeit im mobilen medizinischen Team

Dr. Nagham H. (44) und Dr. Sinan M. (41) mussten am 6. September 2014 gemeinsam mit ihren Familien aus Bakhdida (Karakosch) fliehen, nachdem ihre Stadt von den radikalislamistischen Kämpfern des IS eingenommen worden war. Sie suchten Zuflucht in Erbil, wo sie nun zusammen mit anderen Flüchtlingen und Vertriebenen leben. Da Nagham und Sinan Ärzte sind, ist es für sie selbstverständlich, dass sie ihren ebenfalls vertriebenen Landleuten helfen. So arbeiten sie nun in dem mobilen medizinischen Team von Malteser International und seiner irakischen Partnerorganisation TCCF (Turkmeneli Cooperation and Cultural Foundation) und stellen so eine Basisgesundheitsversorgung für die Vertriebenen in der Region sicher.

Wie sah Ihr Leben aus, bevor Sie fliehen mussten?
Vor der Einnahme unserer Stadt durch IS war unser Leben relativ ruhig und sicher, auch wenn wir angesichts von Gewalt und Entführungen manchmal um unsere Sicherheit besorgt waren. Vor unserer Flucht arbeiteten wir beide als Allgemeinmediziner im Gesundheitszentrum in Bakhdida.

Viele der Familien, die wie Sie geflohen sind, leben derzeit in Schulen, Moscheen, leerstehenden Gebäuden und Rohbauten. Was sind ihre größten Probleme? Was sind die häufigsten Krankheiten, unter denen die Vertriebenen leiden?
Da so viele Menschen in die Region in und um Erbil geflohen sind, sind die Mietpreise hier derart in die Höhe geschossen, dass die Wohnsituation der Vertriebenen derzeit eines der größten Probleme ist. Die Familien müssen in völlig überfüllten Gebäuden ohne angemessene Wasser- und Sanitärversorgung leben; viele haben keine Toilette und können sich nicht richtig waschen. Hieraus entstehen auch die meisten Gesundheitsprobleme wie beispielsweise Gastroenteritis, Atemwegserkrankungen, Windpocken, Kopfläuse oder sogar Krätze.

Wie sieht Ihre Arbeit im mobilen medizinischen Team aus?
Unser Team besteht aus uns beiden und aus zwei medizinischen Assistenten. Jeden Tag fahren wir in ein anderes Gebiet, wo viele vertriebene Familien leben. Dann bauen wir unsere Klinik – eine Art Mini-Gesundheitszentrum – auf und laden die Familien ein, zu uns zu kommen und sich untersuchen zu lassen. Einige von uns gehen in die Dörfer und Gemeinden, um in Erfahrung zu bringen, welche Gesundheitsprobleme es dort gibt, und die Menschen ausfinding zu machen, die medizinische or psychologischen Hilfe brauchen, aber nicht zu uns in die Gesundheitsstation kommen können. Wir achten darauf, dass die Station nicht überfüllt ist, damit wir uns für jeden Patienten genügend Zeit nehmen können. Dennoch behandeln wir jeden Tag durchschnittlich 80 bis 100 Patienten.

Kinder, Schwangere und ältere Menschen leiden besonders unter der Situation. Was sind ihre größten Probleme und wie können Sie helfen?

Kinder reagieren sehr empfindlich auf unzureichende Hygiene und Ernährung sowie kaltes, feuchtes Wetter. Daher leiden sie besonders oft an Durchfallerkrankungen, Lungenentzündungen und Hautallergien. Wir helfen ihnen mit einer frühzeitigen Diagnose, mit Antibiotika und Rehydrierungslösungen. Außerdem geben wir den Eltern Empfehlungen, wie sie ihre Kinder gesund ernähren können, und bieten Impfungen an für alle Kinder unter fünf Jahren.

Viele der Älteren leiden unter chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Herzinsuffizienz und chronischen Lungenerkrankungen. Wir helfen ihnen, indem wir ihren Blutdruck und ihren Blutzucker regelmäßig kontrollieren und mögliche Verschlimmerungen ihrer Krankheiten rechtzeitig behandeln. Wir geben ihnen auch Medikamente zur Behandlung ihrer chronischen Erkrankungen, da viele von ihnen ihre Behandlung wegen der hohen Kosten für die Medikamente nicht fortsetzen können.

Schwangere brauchen selbst unter normalen Umständen eine gute Schwangerschaftsvorsorge. Doch unter den momentanen schwierigen Lebensbedingungen können viele Probleme auftreten. Besonders häufig kommt es zu Harnwegsinfektionen. Aber es gibt auch ernsthaftere Komplikationen. Wir führen Vorsorgeuntersuchungen durch, beraten die Frauen und geben ihnen eisen- und folsäurehaltige Nahrungsergänzungsmittel.

Was tun Sie, wenn ein Patient so schwer krank oder verletzt ist, dass er in ein Krankenhaus gebracht werden muss?
Sobald wir den Patienten stabilisiert haben, stellen wir sicher, dass er schnell und sicher in ein Krankenhaus gebracht wird. Speziell für solche Fälle steht uns ein Krankenwagen zur Verfügung.

Müssen Sie auch feststellen, dass viele Vertriebene psychosoziale Hilfe benötigen, um das Erlebte besser verarbeiten zu können? Können Sie in solchen Fällen auch helfen?
Ja, das kommt auch vor. Einige leiden aufgrund der traumatischen Ereignisse rund um ihre Vertreibung und Flucht unter emotionalen und psychischen Problemen – und zwar besonders in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft hier. Wir haben ein Training erhalten durch einen Experten für psychische Krankheiten, so dass wir nun auch psychologische Hilfe und Behandlung anbieten können. Wenn die Patienten sehen, dass wir genauso wie sie Vertriebene sind und den gleichen Hintergrund haben, fühlen sie sich sicher genug, um mit uns über ihre Probleme zu sprechen.

Sehen Sie einen Vorteil für Ihre Arbeit darin, dass Sie selbst Vertriebene sind und somit mit Ihren Patienten das gleiche Schicksal teilen?
Auf jeden Fall! Das ist für beide Seiten von Vorteil: zum einen für die Patienten, denn sie fassen schneller Vertrauen zu uns und fühlen sich besser verstanden; zum anderen für uns selbst, denn wir können uns viel besser in sie hineinversetzen, da wir uns letztlich in der gleichen Situation befinden.

Der Winter steht kurz bevor und Tausende werden unter eisigen Temperaturen und zusätzlichen Gesundheitsproblemen zu leiden haben. Was können wir tun, um die Menschen vor der Kälte zu schützen?
Ja, in den kommenden Wochen und Monaten werden die Menschen hier noch mehr leiden und ihre Gesundheitsprobleme werden noch schlimmer werden. Hilfsorganisationen können helfen, indem sie warme Unterkünfte zu niedrigen Preisen wie beispielsweise Wohnwagen bereitstellen oder einen Teil der Mietkosten für Wohnungen und Häuser übernehmen. Was die Gesundheitsversorgung betrifft, können wir jetzt mit vorbeugenden Maßnahmen wie einer Grippeimpfung beginnen. Wir müssen auch leicht übertragbare Krankheiten rechtzeitig behandeln, um den Ausbruch von Epidemien zu verhindern.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Arbeit? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Es sind diese schweren Zeiten, die uns Kraft geben. Denn obwohl wir unsere Heimat, unsere Häuser, unser Hab und Gut verloren haben, haben wir hier die Chance bekommen, uns durch gute Arbeit selbst zu beweisen. Die humanitäre Hilfe, die wir leisten können, lässt uns selbst angesichtes dieser ganzen Tragödie Freude erfahren. Für uns, unsere Familien und unsere vertriebenen Mitbürger wünschen wir uns natürlich, in unsere Heimatdöfer und -städte zurückkehren und dort friedlich leben zu können. Doch dies wird voraussichtlich nicht möglich sein ohne internationalen Schutz. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass wir uns hier in der Region Kurdistan ansiedeln oder in ein anderes Land auswandern. Unserem Heimatland wünschen wir Frieden und Fortschritt, damit sich hier eine demokratische Gesellschaft entwickeln und die Bevölkerung ein Leben in Würde führen kann.

Foto: TCCF

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